„Diese Männer habe mich zerstört…“

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Konfliktsituationen

Cover Sexualisierte Kriegsgewalt und ihre FolgenEine halbe Million Frauen (andere Schätzungen gehen sogar von zwei Millionen aus) sollen 1945 in Deutschland von Soldaten der Sowjetunion vergewaltigt worden sein. Viele wurden reihum von den Kameraden „in Besitz genommen“. Oft wurden weibliche Familienmitglieder gleichzeitig, im gleichen Raum vergewaltigt.

Die Gewalterfahrungen, die das Leben der Betroffenen dauerhaft prägen sollten, blieben meistens selbst im Familienkreis unausgesprochene Tabus. 1959 erschien das Buch „Eine Frau in Berlin“ in deutscher Sprache (1954 war es bereits auf Englisch zu lesen), in dem die anonyme Autorin schildert, wie sie Aufgrund der Erfahrungen während der ersten acht Wochen sowjetischer Besatzung halb freiwillig eine sexuelle Beziehung zu einem Offizier einging, um sich vor den Übergriffen der Soldaten zu schützten. Die Öffentlichkeit sah in dem Buch „die Ehre der deutschen Frau beschmutzt“.

Der Film von Helke Sander „BeFreier und Befreite“ (1992) über die Vergehen der Rotarmisten oder Autobiographien wie die von Leonie Biallas „Komm, Frau, raboti‘: Ich war Kriegsbeute“ halfen –Jahrzehnte später – schließlich das Tabu zu durchbrechen. Recherchen von Regina Mühlhäuser haben offengelegt, dass sich deutsche Soldaten an der sowjetischen Front auch nicht zimperlich verhalten haben, zumal ein „Kriegsgerichtsbarkeitserlass“ Hitlers festlegte, dass Übergriffe von Soldaten gegen Zivilisten nicht geahndet werden mussten. Gelegentlich seien, so Mühlhäuser in ihrer Dissertation, sogar ganze Einheiten in sexuelle Gewaltexzesse verwickelt gewesen.

Weder die Wehrmacht noch die Alliierten hatten ein Interesse, die sexuelle Vergehen publik zu machen. Oft wurden die Frauen selbst für verantwortlich erklärt. So musste sich Else M. aus Mannheim Ende Mai 1945 von einem Richter belehren lassen, dass sie sich stärker hätte wehren müssen. Angesichts der vorgehaltenen Pistole, gestand sie, habe sie das aus Angst unterlassen. Else M. nahm ihre Beschuldigung gegen den G.I. zurück.

Die Bordelle, in die 200.000 meist koreanische „Trostfrauen“ verschleppt wurden, um den Männern der japanischen Armee zur Verfügung zu stehen, sind uns inzwischen ein Begriff, nicht zuletzt aufgrund des couragierten Kampfes um Wiedergutmachung der Betroffenen. Aber auch andere Armeen wussten ihre Soldaten mit entsprechenden Einrichtungen bei Laune zu halten.

Vergewaltigung als Kriegswaffe

Dass bereits 1949 im IV. Genfer Abkommen zum Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten“, ausdrücklich festgeschrieben wurde, Frauen vor Vergewaltigung und Nötigung zur Prostitution zu schützen, blieb ohne Einfluss auf das Verhalten männlicher Kämpfer in den darauffolgenden Konflikten.

War sexualisierte Gewalt gegen Frauen schon immer Teil von kriegerischen Auseinandersetzungen gewesen, so erreichen die Exzesse in den „neuen Kriegen“, wie die in Bosnien-Herzegowina, Liberia, Sierra Leone, Ruanda, in der Demokratischen Republik Kongo oder im Sudan ganz eigene Dimensionen: Vergewaltigungen werden zur Kriegswaffe.

Mit der Vergewaltigung wird die Macht über den Gegner demonstriert. Zeugen sind erwünscht. Der Titel von Susann Brownmillers Bosnien-Essay bringt es auf den Punkt: Der Körper der Frau wird zum Schlachtfeld („Making Female Bodies the Battlefield“).

Im Balkankrieg dient die Massenvergewaltigungen der nicht-serbischen Frauen, die in Internierungslagern gefangen gehalten wurden, der „ethnischen Säuberung“. Oftmals kannten sich Opfer und Täter persönlich, waren früher Nachbarn, Bekannte.

Die gefolterten, oft geschwängerten Frauen galten als stigmatisiert und wurden von ihren Familien nicht selten fallengelassen.

Genozid durch die Übertragung von HIV/AIDs 

Brutalität gegen die Zivilbevölkerung, besonders ausgeprägt bei sexualisierter Gewalt, war ein integraler Bestandteil des Krieges im Osten Kongos. Human Rights Watch berichtet, dass die Männer, die an sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Kinder beteiligt waren, von ihren Anführern für ihr Handeln sogar belohnt wurden. Unter solchen Umständen würde gegen Kinder und Frauen ein eigener Krieg im Krieg genährt werden.

„Mein Körper wurde über 60 Tage zur Durchfahrtsstraße für alle Ganoven, Männer der Miliz und alle Soldaten des Distriktes. Diese Männer haben mich vollständig zerstört, sie haben mir ungeheuer viel Schmerz zugefügt. Sie vergewaltigten mich vor meinen sechs Kindern. (…) Vor drei Jahren entdeckte ich, dass ich HIV/AIDS habe. Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich durch diese Vergewaltigungen angesteckt wurde.“ Die Aussage der Betroffenen aus Ruanda entstammt dem 2004 erschienen Buch von Françoise Nduwimana „The Right to Survive: Sexual Violence, Women and HIV/AIDS“.

Die bewusste Übertragung von HIV/AIDS durch Vergewaltigungen gehört wohl zu den zynischsten Waffen zur „ethnischen Säuberung“. In den 100 Tagen des Genozids 1994 in Ruanda wurde eine Million Menschen getötet. Bis zu 500.000 Mädchen und Frauen wurden vergewaltigt. Keine wurde verschont: Großmütter wurden vor ihren Enkeln vergewaltigt, junge Mädchen mussten das Massaker an ihrer Familie mitansehen, bevor sie zur Sexsklavin entführt wurde. Fast jede der Überlebenden wurde vergewaltigt oder Zeugin einer solchen. 70 Prozent der Frauen sind HIV positiv.

Sexualisierte Gewalt als Kriegsmittel ist eine Menschenrechtsverletzung

Traumatisierung, Scham, physische Folgen belasten die vergewaltigten Frauen ein Leben lang. In vielen Gesellschaften werden sie ausgestoßen. Bar jeder moralischen, emotionalen und ökonomischen Unterstützung bricht ihnen die Lebensgrundlage, der Lebenswille weg. Viele begehen Selbstmord.

So haben auch viele Jesidinnen, die 2014 von der IS entführt wurden, um der Miliz als Sexsklavinnen zu dienen, den Ausweg im Suizid gesucht. Denn auch im Jesidentum verlieren die Frauen durch eine Vergewaltigung ihre Ehre. 2015 setzte das religiöse Oberhaupt dieser doppelten Bestrafung ein Ende, indem es die Frauen in einem Zeremoniell wieder in die Gemeinschaft aufnahm. Ein (selbstverständlicher) Akt der Menschlichkeit, aber auch ein weitsichtiges Handeln, untergräbt die Wiederaufnahme der Frauen doch zudem das Ziel des Feindes, durch die Vergewaltigung der Frau die ganze Gemeinschaft zu schädigen.

In der 2008 von der UN verabschiedeten Resolution 1820 wird erklärt, dass Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt „ein Kriegsverbrechen oder ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder eine die Tatbestandsmerkmale des Völkermords erfüllende Handlung darstellen können“. Die Resolution deckt zudem die gravierenden Folgen solch systematisch begangener Kriegsverbrechen für die Gesellschaft auf:

Nicht nur die Frau wird durch die Vergewaltigungen schwer geschädigt, die ganze Gemeinschaft hat über Jahre hinweg zu leiden. Sexualisierte Kriegsverbrechen sind der Nährboden für Aggressionen, Vergeltungswut, Misstrauen und führen zu immer weiteren Konflikten, Vertreibungen und Fluchtströmen. Sexuelle Gewalt gegen Zivilpersonen kann ein Hindernis „bei der Wiederherstellung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit“ darstellen. Sie fordert die UN-Mitgliedsstaaten auf, ihren Verpflichtungen zur strafrechtlichen Verfolgung von Tätern nachzukommen, und sie ermöglicht Sanktionen gegen Länder, in denen während bewaffneter Konflikte sexualisierte Gewalt stattfindet.

Die Attacken des birmanischen Militärs gegen die Rohingyas sollte für die UN Anlass zum Einschreiten sein. Human Rights Watch berichtet von brutalen Massenvergewaltigungen gegen Mädchen und Frauen, die diesen jegliche Aussicht auf Rückkehr unmöglich erscheinen lassen.

 

Quellen und weiterführende Links

Leonie Biallas „Komm, Frau, raboti‘: Ich war Kriegsbeute“. Leverkusen, 2010

Forum Menschenrechte: Hearing: Vergewaltigung – Verbrechen an Frauen in Kriegs- und Friedenszeiten. 25. April 1996. Materialien Nr. 6, Bonn 1996

medica mondiale e.V., Karin Griese (Hrsg.): Sexualisierte Kriegsgewalt und ihre Folgen. Handbuch zur Unterstützung traumatisierter Frauen in verschiedenen Arbeitsfeldern. Frankfurt am Main, 2004.

Regina Mühlhäuser: „Eroberungen. Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion 1941-1945“. Hamburger Edition, Hamburg, 2010.

Miriam Gebhardt: „Als die Soldaten kamen“. München, 2015

Françoise Nduwimana: The Right to Survive: Sexual Violence, Women and HIV/AIDS. 2004

Deutschlandfunk: Zweiter Weltkrieg. Das Thema Massenvergewaltigung 1945 „war einfach Tabu“.

Obijiofor Aginam: Rape and HIV as Weapons of War. United Nations University, 27.06.2012

Hinweis: Wir vermitteln keine Bücher. Wenden Sie sich bitte an den Verlag oder Ihren Buchhändler.

Human Rights Watch: SHATTERED LIVES. Sexual Violence during the Rwandan Genocide and its Aftermath. 1996

Human Rights Watch: The War Within The War. Sexual violence against women and girls in eastern Congo. New York, 2002

Human Rights Watch: Failing Rohingya Rape Victims in Bangladesh. Refugees from Burma.

Nach „Frauen, Frieden und Sicherheit“ weitere UN-Resolutionen gegen Kriegsgewalt.

Heather Harvey: A triumph for women at the UN. The Guardian, 25.06.2008

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