Eine westpreußische Familiengeschichte

Ein Bericht aus der Wirklichkeit der damaligen Zeit – Auszug –

Vor 65 Jahren …
als der Krieg nach Laskowitz kam –
Sommer 1939

Nachstehende Schilderungen sind dem Buch „Am Ufer der Erinnerung – eine westpreußische
Familiengeschichte“ von ASTRID VON WEITZEL-ZENKER auszugweise entnommen.
In diesem Buch wird die Geschichte der ursprünglich aus Schottland stammenden
Familie „von Gordon“ in Westpreußen aufgezeigt mit allen Höhen und Tiefen, wobei
das Gut Laskowitz im Kreis Schwetz das Familienzentrum darstellt. – Vor 65 Jahren
brach der Krieg zwischen Polen und Deutschland aus, der so viel Elend und Schrecken
über diese beiden Völker brachte.
Leider berichten die deutschen und auch ausländischen Medien wie aber auch deren
Politiker verzerrt und sehr oft auch falsch über diese Zeit und es wird verschwiegen
oder vergessen, welchen Leiden und welchem Hass die Deutschen in ihrer Heimat
Westpreußen durch die polnischen Regierungen und deren Bevölkerung selber über
die Jahrzehnte seit 1920 ausgesetzt waren.
Es wird auch gerne vergessen, dass die polnische Führung zusammen mit ihrer Armee
– sie war immerhin die drittstärkste in Europa – „nach Berlin marschieren wollte!“;
und dann wird heute das Märchen eines Überfalles eines friedfertigen Polens durch
das Deutsche Reich mit Hingabe erzählt. Aber die Fakten waren anders!
Dies soll am Beispiel der Familie von Gordon aus Laskowitz in die Erinnerung zurückgerufen
werden.
„… Im März 1939 ist die Rest-Tschechei besetzt und Litauen gibt das Memelgebiet freiwillig
zurück. Nur der polnische Korridor noch – und die Fesseln des „Versailler Schand-Diktates“
sind endgültig abgestreift.
Zunächst versucht das Deutsche Reich mit Polen zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen,
doch unterstützt durch die Garantieerklärung Englands lehnt Warschau jede Verhandlung
ab, ordnet statt dessen im März 1939 die Teilmobilmachung an und lässt der deutschen
Regierung mitteilen, dass jedes weitere Wort über Verhandlungen Krieg bedeute.
Rau ist der Wind, der den Deutschen in Polen nun entgegen pfeift: deutsche Schulkinder werden
auf dem Schulweg mit Steinen beworfen und in die Felder gejagt, Jagdwaffen müssen
abgeliefert werden, wegen angeblicher Tollwut erschießt man Hunde. Hausdurchsuchungen
wühlen nach verbotenen Büchern, Waffen und Geheimsendern und in der polnischen Zeitung
„Kurjer Poznanski“ ist zu lesen, für jeden Deutschen sei bereits ein Baum vorgesehen – als
Galgen.
1937 kommt das Grenzzonengesetz zur Anwendung: Aufenthalt und Erwerb von Land innerhalb
von 30 km zur Landesgrenze sind ab sofort genehmigungspflichtig – das ist ganz Pommerellen,
außer den Kreisen Bromberg, Thorn und einige der Posener Kreise. „Missliebige
Personen“ können ohne Angabe von Gründen „ausgewiesen“ und Grundstücke nur noch mit
der Genehmigung des Wojewoden verkauft, verpachtet oder – und das ist das Entscheidende
– vererbt werden. Ohne Genehmigung erfolgt Zwangsverkauf. Damit ist der deutsche Grundbesitz
innerhalb der Grenzzone in spätestens einer Generation in polnischer Hand.
Auch Laskowitz liegt innerhalb dieser Grenzzone, auch Franz von Gordon (der … missliebig
wegen seiner Arbeit in der Deutschen Vereinigung, wegen seiner Vorträge zur Erhaltung des
Deutschtums, wegen einer Petition, die er damals unterschrieben hat – alles erlaubt, aber eben
missliebig.
Am 2. August 1939 findet Franz von Gordon unter seiner Post den Brief einer Behörde aus
Swiecie (Schwetz). Des Polnischen nur mäßig kundig, starrt er auf die Zahlen von Paragraphen
und Daten. Das Wort „Prezydenta“ versteht er, das heißt „Präsident“, und die Jahreszahl
„1937“ und „granicach“, dass heißt Grenze und dann das sperrig gedruckte Wort „zakazuje“ –
„verbieten“ und in der nächsten Zeile: „terminie 7 dniowym“ – „innerhalb von 7 Tagen“ –
und dann beginnt das Blatt zu zittern und trotz der sommerlichen Hitze werden die Hände
kalt.
„Lolla? – Lolla!“ seine Stimme ist seltsam dünn und als er in den Salon tritt, bleich mit schreckensweiten
Augen, da springt Lolla (seine Frau) entsetzt auf. Ratlos, denn sie hat sich immer
zornig geweigert auch nur ein Wort Polnisch zu lernen, nimmt sie das gestempelte Papier in
die Hand.
„Was ist das?“
„Die …Weisung“ murmelt das blasse Gesicht vor ihr.
„Was für eine Weisung? Sprich doch endlich deutlicher!“ Sie schreit ihn an. „Das ist die
Ausweisung!“
Bist Du sicher, dass du das richtig verstanden hast? So gut kannst du doch gar nicht polnisch?
RUBACK (der Verwalter des Gutes) soll uns das erst mal übersetzen!“ Aber ihre Stimme
zittert.
Einige Stunden später – RUBACK hat inzwischen übersetzt – ist die Ahnung zur Gewissheit
geworden…

… Zum wiederholten Male liest er FRANZ VON GORDON vor:
Starost für den Landkreis Schwetz, den 1. August 1939
Schwetz (Original in polnisch im Buch aufgezeigt)
Nr. SB – 220/39

An
Herrn Franz von Gordon
in Laskowitz
Auf Grund des Art. 6 Abtlg. 3 der Verfügung des Präsidenten der Republik vom 23. Dezember
1927 betreffend der Staatsgrenzen / gleichlautender Text Dz. U.R.P., Nr. 11 Pos. 83 vom
Jahre 1937 / einschließlich des § 3 Abtlg. 1 der Verfügung des Innenministers vom 10. Juni
1938 betreffs der Grenzzone /Dz. U.R.P., Nr. 43, Pos. 360/ und § 1 der Verfügung des Wojewoden
von Pommerellen vom 24.Juli 1938 / Amtsblatt des Pommereller Wojewoden / Nr. 23,
Pos. 269/
verbiete
ich Ihnen sowie Ihrer Familie das Wohnen und den ständigen Aufenthalt in der Grenzzone.

Die Grenzzone haben Sie innerhalb 7 Tagen zu verlassen, gerechnet vom Tage der Zustellung
dieser Verfügung.
Diese Verfügung, die der freien Begutachtung der Behörde unterliegt, wird nicht begründet,
und zwar auf Grund des Art. 75, Punkt 3 der Verfügung / Dz. U.R.P., Nr. 36, Pos 341 vom
Jahre 1928.
Gleichzeitig drohe ich an, dass bei Nichtbefolgung dieser Verfügung, d.h. bei Nichtverlassen
der Grenzzone im vorgeschriebenen Termine, die Anwendung der gewaltsamen Entfernung
gegen Sie angewandt wird, unverzüglich auf Grund Art. 16 und 49 laut Verfügung des Staatspräsidenten
vom Verfahren der gewaltsamen Entfernung im Administrationswege / Dr.
U.R.P., Nr. 36, Pos. 342 vom Jahre 1928.
Gegen diese Verfügung steht Ihnen das Recht zu, innerhalb 14 Tagen beim Urzad Woj. Pom.
in Thorn Berufung einzulegen durch das hiesige Starostwo. Die Einlegung der Berufung hält
nicht die Ausführung der Verfügung auf im Sinne des Art. 87, Punkt 4 der Verfügung des
Staatspräsidenten, lt. der Administrationsbestimmungen / Dz. U.R.P., Nr. 36, Pos 341 vom
Jahre 1928./ mit Rücksicht auf die öffentliche Sicherheit.
Gleichzeitig belehre ich Sie: dass bei Nichtausführung der Verfügung, die auf die Vorschriften
von den Grenzen des Staates beruhen, lt. Art. 24 dieser Verordnung, Strafen im Administrationswege
von 3 Monaten Arrest oder 3.000 Zloty drohen, oder einschließlich beider Strafen.
Der Starost für den Landkreis
Franz von Gordon lässt das Blatt sinken und blickt schweigend in die Runde. Auch Eberhard
(Graf Klinckowstroem) aus Bremin, Lollas Bruder, und Hans-Jochen Modrow aus Falkenhorst
sind inzwischen eingetroffen.
„Sollen wir es riskieren und das einfach ignorieren? Meinst du, sie werden uns wirklich mit
Gewalt davonjagen?“…..
…. Onkel Hans-Jochen streift die Asche seiner Zigarre am Aschenbecher ab. Er schüttelt den
Kopf: „Auf gar keinen Fall dürft ihr Polen verlassen! Wenn das Schule macht, dann brauchen
die Polen nur Briefe zu verschicken und haben damit alle Gutsbesitzer enteignet!“
„Aber hier bleiben können wir nicht.“
„Es genügt, wenn du hier bleibst!“ Hans-Jochen blickt seinen Freund Franz von Gordon fest
an.
„Wenn du das Land verlässt, gilt das Gut als besitzerlos, dann nimmt es der polnische Staat“.
„Hans-Jochen, schweig jetzt endlich!“ Wütend fährt Lolla dazwischen. „Deine Vorschläge
werden ihn ins Grab bringen!“
Doch der ignorierte sie. „Pass auf! Lolla und die Kinder gehen nach Zoppot, da sind sie in
Sicherheit. Du gehst nach Bromberg. Bromberg liegt nicht im Grenzzonengebiet, da darfst du
dich aufhalten und es ist nahe genug, so dass du von dort aus das Gut beaufsichtigen kannst.“
Franz zögerte noch: „Und wie lange soll das gehen?“
Hans-Jochen zuckt die Schultern, „Es wird viel von Krieg gemunkelt,“ sagte er leise. Franz
schweigt, dann nickt er: „Eine bessere Lösung fällt mir auch nicht ein. So werden wir es
tun.“……

Die Mutter, die resolute, energische, die keine Angst kennt und mit flammenden Blick jedem
ihre Meinung unerschrocken um die Ohren haut, hat die Hände vor das Gewicht geschlagen,
die Schultern zucken und heiseres Schluchzen presst sich zwischen ihren Fingern hervor.
Die Tischrunde versteinert: Tränen bei Tisch – und das noch von Lolla!
„Lolla, ich bitte dich! Es ist die einzige Möglichkeit, ich kann doch nicht…“, hilflos bricht der
Vater ab.
„Doch, Franz, du musst!“ Jetzt hat sie sich wieder in der Hand. Blass und ernst sagt sie:
„Komm mit uns nach Zoppot – sonst sehen wir uns nie wieder!“ – und schauerlich schweben
diese Worte über dem Raum…
Die Wagentür knallt zu, der Wagen rollt an. …. Was wird sein, wenn sie wiederkommen?…
An der Grenze werden sie akribisch untersucht, jeder Koffer durchwühlt, jede Schachtel geöffnet,
jedes Papier umgedreht, sogar das Leder der frisch besohlten Schuhe wird abgelöst,
auf der Suche nach Geld, denn das darf nur in begrenzter Höhe ausgeführt werden. Aber die
Grenzbeamten finden nichts. Abends erreichen sie Zoppot. …
Aber der Krieg ist noch nicht. Dennoch atmet niemand auf. Im Radio jagen sich unheilvolle
Nachrichten aus Polen: die Wohnungen Volksdeutscher werden durchsucht, Vieh wird beschlagnahmt,
man hört von weiteren Ausweisungen und Verhaftungen – viele Deutsche sind
in die Wälder geflohen, wechseln vorsichtshalber jede Nacht ihr Versteck. Schon sind Reservisten
und Pferde zum polnischen Heer eingezogen, die ersten Splittergräben werden ausgehoben.
Aus Berlin kommt eine Postkarte: „Wir sind gut angekommen und denken viel an Euch! Haltet
durch und alles Gute! In Liebe, Mutti, Eberhard und Gerda (Klinckowstroem)“ Jetzt hat es
auch die Breminer (Kr. Schwetz) getroffen! … Es ist Freitag, der 1. September 1939. Lolla
schreckt aus dem Schlaf – fernes Kanonendonner, es ist früher Morgen. Sie stürzt zum Radio
– da kommt die Nachricht: Danzig ist wieder deutsch! …
Schon jubeln sie, nicht mehr lange, dann ist die Heimat wieder deutsch! Schon werden Koffer
gepackt, da jagt am nächsten Abend, es ist Sonntag der 3. September, eine Schreckensmeldung
über den Äther: mehrere hundert deutsche Zivilisten sollen in Bromberg von den Polen
aus den Häusern gezerrt und auf der Strasse niedergeschossen worden sein!
Schreckensbleich springt Lolla auf: „Oh Gott, unser Pappi!“
Ruhelos wandert sie die ganze Nacht durch den Raum, unaufhörlich dringt der dumpfe Tritt
ihrer Schritte in das Nebenzimmer, in dem die Kinder schlafen. … Überall in Pommerellen
gingen Scheunen deutscher Landwirte in Flammen auf – ein drohendes Fanal. Mit aufgepflanztem
Bajonett sollen die Polen Männer und Frauen zusammengetrieben haben. Am
nächsten Morgen ging es dann über die Weichsel und unter Fußtritten, Kolbenschläge, Geschrei
und Schüssen zu Fuß weiter nach Osten, tagelang, nächtelang. Wer Durst hatte, durfte
sich Wasser aus dem Bach schöpfen – gegen Bezahlung. Wer zusammenbrach oder sich nach
Grund seiner Verhaftung erkundigte, bekam eine Kugel in den Kopf, die Leichen blieben im
Chausseegraben liegen. Die Freunde Maerker und Geruch sind unter den Verschleppten, das
scheint gewiss und auch Hans-Jochen Modrow und Fritz Ruback. Etwa 10.000 Volksdeutsche
werden es insgesamt sein, jeder Vierte wird nie zurückkehren.
Auch das Schreckliche aus Bromberg wird bestätigt: am Straßenrand und an den Waldrändern
außerhalb der Stadt sollen Leichen herumliegen – wie geht es Franz? Nein, noch gibt es keine
Reisegenehmigungen in das gerade befreite Land, noch ist es Kriegsgebiet, noch heißt es warten
und hoffen. Am 7. September fällt die Westerplatte und am 8. September erhalten Lolla
und Büb (der älteste Sohn) endlich die Sondergenehmigung zur Reise nach Laskowitz. Am 9.
September jagen sie sieben, acht Stunden lang auf einem knatterndem Motorrad – wo auch
immer BÜB das aufgetrieben haben mag – nach Süden, nach Laskowitz.
Vorbei an Granattrichtern, zerschossenen Häusern, von Panzern umgepflügten Feldern und
zermalmt zwischen Hoffen und Verzweifeln kommen sie mit Einbruch der Dunkelheit dort
an.
Es ist merkwürdig still, das Schloss verschlossen – wo ist Franz?
Sie eilen zum Hof, die Pferdeställe sind leer, eine Scheune ist abgebrannt, das Beamtenhaus
leer – wo ist Ruback?
Sie rennen zurück zum Schloss, schließen die Haustür auf – in der Halle brennt Licht, Schritte
hallen über den Flur – Gott sei Dank, Franz ist da! – doch nein, es ist der Gärtner Boldt. Mit
seiner Familie ist er ins Schloss gezogen, um es nicht unbewohnt dem plündernden Mob auszuliefern
– der treue Boldt, fast hätte ihn Lolla umarmt. „Wo sind mein Mann und Ruback?“
Das Lächeln auf dem faltigen Gesicht schwindet. „Vom gnädigen Herrn weiß ich nichts, nur
von den schrecklichen Dingen aus Bromberg. Aber Ruback, den haben sie abgeholt.“
„Wer hat ihn abgeholt?“ „Na, die polnische Miliz doch! Die haben überall mit irgendwelchen
Listen in der Hand nach Deutschen gefragt, sogar nach solchen, die längst gestorben sind –
ich weiß nicht, was das für Listen waren. Zuerst haben sie sie nach Schwetz ins Gefängnis
gebracht und dann am nächsten Tag über die Weichsel, das habe ich jedenfalls gehört.“ Er
zuckt verlegen mit den Achseln. „Dann geh‘ ich wohl wieder, gnädige Frau, wenn ich noch
etwas tun kann?“ „Nein, nein, guter Boldt, danke für alles.“…
…“Seit Tagen sind Bromberg und Umgebung von deutschen Truppen befreit, Vater müsste
schon längst hier sein – er hätte schon vor uns hier sein müssen.“ Leise spricht Büb das aus,
woran auch Lolla die ganze Zeit denkt. „Vielleicht ist er verletzt und liegt im Krankenhaus,
wir dürfen nicht gleich das Schlimmste vermuten – Noch wissen wir ja gar nicht, was wirklich
passiert ist“, aber ihre Stimme zittert. Büb hört den schweren Atem und dann die heisere
Stimme: „Du musst nach Bromberg fahren! Such unseren Pappi – ich kann es nicht!“
Schweigend nickt der fast 19jährige und in seinen braunen Augen spiegelt sich das Mondlicht.
Am nächsten Morgen fährt er los.
Es dauert mehrere Tage bis er zurückkehrt. Bleich, mit erstarrter Miene steigt er aus dem Zug.
Blutiger Sonntag
Kurz nachdem Lolla mit den Kindern nach Zoppot abgereist war, war auch ihr Mann Franz
nach Bromberg gefahren und hatte sich dort in einer kleine Pension einquartiert, in einer stillen
Seitenstraße. …
Hört Franz die Stimme Gottes? Auf jeden Fall hört er die Hetzreden, die nun Tag für Tag aus
dem Radio bellen, Tag und Nacht dringt polnische Miliz in die Häuser Volksdeutscher ein,
Menschen verschwinden – sind sie verhaftet oder konnten sie sich noch verstecken? Überall
lauert Gefahr, plötzlich schnappt sie zu und zurück bleiben Schweigen und Angst… In den
Morgenstunden des 1. September dringt plötzlich aus Richtung Konitz das gedämpfte Donnern
von Kanonen herüber und gegen 10.00 Uhr berichtet das Radio vom Ausbruch des Krieges.
Deutsche Truppen marschieren ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen gen Osten,
bereits am Abend des 2. September sind nur noch 15 km von Bromberg entfernt.
Bislang hat die Verhaftungswelle Franz verschont, schon hört er Schüsse vor der Stadt, schon
sieht er aus seinem Fenster polnische Soldaten auf dem Rückzug, schon scheint die Rettung
nah – da dröhnt in den Morgenstunden des 3. September das Haus unter schweren Stiefelschritten.
Auf polnisch wird nach Deutschen im Haus gefragt, da pocht es schon an die Zim6
Astrid_von_Weitzel-Zenker_Eine_westpreußische_Familiengeschichte_Auszug 6/6
mertür und er wird hinausbefohlen von einem Polen in Uniform, auf irgendein Amt. „Heute
am Sonntag?“ – “Selbstverständlich! Wir haben Krieg!“ Franz ist nicht der Einzige.
Viele werden auf ein „Amt begleitet“, viele werden auch einfach auf die Strasse gezerrt, angeblich
weil sie auf Polen geschossen haben. Mit Kolbenschlägen und Bajonettstichen werden
sie durch die Straßen getrieben unter dem Gejohle des Mobs: „Nazischwein, jetzt kannst du
nicht mehr ‚Heil Hitler’ schrei’n!“
Schüsse fallen, mal vereinzelt, mal dutzendweise, und die Menschen hinter den Fenstern ihrer
Häuser fahren erschreckt zurück. Wieder hallt eine Salve an den Hauswänden wider, mehrere
Menschen brechen zusammen – auch Franz. Er lebt noch. Fremde Hände ziehen den Stöhnenden
in einen Hausflur, es gelingt ihnen, ihn in ein Krankenhaus zu bringen. Hier verliert
sich seine Spur.
Tage später, längst ist Bromberg wieder deutsch, suchen verzweifelte Menschen nach ihren
Angehörigen – unter ihnen ein blasser, junger Mann, noch nicht einmal 19 Jahre alt: Büb aus
Laskowitz. Leichen türmen sich auf den Straßen und in den Wäldern am Rande der Stadt,
blutverkrustet, mit verrenkten Gliedern und glasigen Augen.
Am Rande einer Grube steht eine Gruppe von Menschen. Der Boden ist noch weich erst vor
wenig mehr als einer Woche wurde er zugeschüttet, jetzt werfen muskulöse Arme die Erde in
wenigen Spatenstichen zur Seite, Spuren von Kalk wirbeln durch die Luft – die Spaten stoßen
auf Stoff, auf Stiefel. Behutsam werden die ersten Toten herausgehoben und an den Rand der
Grube gelegt einer neben dem anderen, die Erde von den erstarrten Gesichtern gewischt. „Ist
es der? Oder der?“ An die tausend Ermordete sind es, deutsche und vereinzelt auch deutschfreundliche
Polen, und versteinert stehen die Menschen und suchen in den erloschenen Zügen
und den reglosen Körpern nach ihren Vätern, Männern, Frauen und Söhnen. An seiner Jacke
und seinem Siegelring erkennt Büb seinen Vater…
Es ist der 23. September 1939. Am Schlossturm weht die weiß-blaue Gordonfahne auf Halbmast…..
Der Sarg wird vom Wagen gehoben, jemand spricht noch einige Worte. Dann krachen
mehrere Schüsse über den See – der letzte Salut. Die Bläser heben die Trompeten und während
der Sarg lautlos in die Tiefe gleitet, steigt die Melodie empor: „Ich hatt‘ einen Kameraden,
einen bessern find’st Du nicht.“
Der Krieg ging weiter. Die Witwe, Marie-Luise (Lolla) von Gordon, geb. Gräfin von Klinkkowstroem,
verlor im Kriege 1941, 1943 und 1945 drei ihrer Söhne und später – durch Vertreibung
– ihre Heimat. Sie starb 1972.
Dies ist die Geschichte einer ostdeutschen Familie, die beispielhaft für viele tausende Familien
aus unserer früheren Heimat im Osten und Südosten Europas steht. Die nachfolgenden
Generationen – und hier besonders die Politiker – sind dazu berufen, dieser Schicksale an
würdiger Stelle zu ehren und ihrer zu gedenken!

 

Hinweis: Wir vermitteln keine Bücher. Wenden Sie sich bitte an den Verlag oder Ihren Buchhändler.

Das Buch wurde im „Der Westpreuße“ vom 20.12.2003 von Hugo Rasmus, ebenfalls aus dem
Kreis Schwetz stammend, besprochen. Es ist im Selbst-Verlag erschienen und zu beziehen
über:

ASTRID VON WEITZEL-ZENKER,

Hans Multscher-Straße 10, 86899 Landsberg/Lech,

Tel.:08191/22335 – 236 Seiten,

Preis € 19,50 + Porto

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s