„Luther und die deutsche Sprache“

Die mitteldeutsche Sprachausprägung, die bereits zur Hof- und Kanzleisprache im Deutschen Reich avancierte, konnte durch die Bibelübersetzung und ihre weite Verbreitung durch den zuvor erfundenen Buchdruck von Johannes Gutenberg den Rang einer Hochsprache einnehmen. Die in zahlreiche Dialekte zergliederte Sprachlandschaft Deutschlands konnte sich somit auf ein starkes Zentrum ausrichten.

Einem weiteren unverbindlichen zentrifugalen sprachlichen Auseinanderdriften war nun Einhalt geboten. Die Grundlagen für die deutsche Klassik mit Goethe, Schiller, Hölderlin usw. waren hiermit gelegt. So verwundert es nicht, daß der Vortragende Dr. Reiner Pogarell , Germanist, Publizist Sprachwissenschaftler und VDS- Vorstandsmitglied in Zusammenarbeit mit den Goethe-Instituten europaweit Vorträge zu diesem Thema hält. Seine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Reformator qualifiziert ihn in besonderem Maße für eine Auseinandersetzung mit dieser Person.
Luthers Bibelübersetzung verhalf dem Wort Gottes zu großer Verbreitung im Volk. Die damals enorme Auflage von 270 000 Exemplaren (bei 20 Millionen Einwohnern) entsprach einer zentralen Forderung Luthers, „ Bildung für alle“, Männer und Frauen zu gewährleisten. Die vertraute Sprache förderte die Alphabetisierung breiter Bevölkerungsschichten. Dagegen ging die Bedeutung des von den bisherigen Bildungsträgern verwendeten Lateins zurück.
Neben der erwähnten sprachlichen Bedeutung ist Luther historisch vor allem als wichtiger Reformator bekannt. Seine 95 Thesen von 1517 führten in Anbetracht weitverbreiteter Verweltlichung und Korruption ( Ablaßhandel ) in der katholischen Kirche zu einer Glaubensspaltung und schließlich zu zwei verschiedenen Kirchen in Deutschland. Gegen-reformatorische Bewegungen und die Bauernkriege verschärften die Situation weiter, so daß die Gegensätze zu bewaffneten Auseinandersetzungen führten und anschließend in den
Dreißigjährigen Krieg mündeten. Diese Entwicklung überforderte selbst Luther und konnte von ihm nicht mehr aufgefangen werden. Gewaltige Verwüstungen und der Verlust von 40 Prozent seiner Einwohner veränderten Deutschland so nachhaltig und dauerhaft, daß der Referent von einem Charakterwandel im deutschen Volk von lebenslustig zu ernst und gründlich sprach. Bis etwa zur zweiten Jahrtausendwende wirkte Luthers Anschauung, „dem Volk aufs Maul zu schauen“, verständlich für jedermann zu sein und abgehobene Elitensprachen, wie damals Latein, aus dem Fokus zu nehmen, nach. Heute könnte man die Frage stellen, wie sich Luther zur Sprachvermischung mit Englisch äußern würde.
In einer abschließenden Diskussion, moderiert durch den VDS- Regionalleiter Erich Lienhart, die unterschiedliche Sichtweisen zum Reformator deutlich werden ließ, gab der Referent zu verstehen, Luther nicht nur nach heutigen Maßstäben zu beurteilen, sondern ihn aus seiner Zeit heraus zu verstehen. Das gelänge, so Dr. Reiner Pogarell, in besonderem Maße mit einem Besuch seiner Wirkungsstätten in Sachsen-Anhalt und Thüringen.

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