„Getäuscht und allein gelassen – Die deutschen Vertriebenen: Von Opferverbänden zu Trachtenvereinen?“

BuchGutesBuchbesprechung von Christoph Heger

Schon seit Jahren erfreut der Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried, (http://www.gerhard-hess-verlag.de/) den kritischen Leser mit immer wieder erfrischend „politisch unkorrekten“ Editionen. So auch jetzt wieder mit – unter anderen – dieser Neuerscheinung.

Der Autor Gernot Facius ist am 6. Dezember 1942 in Karlsbad-Weheditz, Sudetenland, geboren und war von 1976 bis 2013 für „Die Welt“ in Bonn und Berlin tätig, unter anderem als Nachrichtenchef, Leiter des Meinungsressorts, stellvertretender Chefredakteur und Autor für Religion und Gesellschaft. Er gehört zu den Initiatoren und Erstunterzeichnern der sudetendeutsch-tschechischen „lnitiative Versöhnung ’95“. Niemand kann ihm „rückwärtsgewandten Revisionismus“ vorwerfen. Doch ist sein Blick auf die Bonner bzw. Berliner Politik gegenüber den vertriebenen Sudetendeutschen voll bitterem Realismus – wie berechtigt, mögen Sie allein schon aus Abschnitts-Überschriften im anliegenden Inhaltsverzeichnis ersehen, wie dieser: „Versöhnung oder Verhöhnung? Die Deutsch-tschechische Deklaration“ oder dieser: „Wenn Ostsyrien näher als Ostpreußen wird“.

Mit Dankbarkeit gedenkt Facius einer der großen Gestalten des „Prager Frühlings“, Ludvik Vaculiks, der unumwunden die „ethnische Säuberung“ Böhmens von seinen dort seit mindestens einem Jahrtausend einheimischen Deutsch-Böhmen „Völkermord“ nannte. Das tat auch der – nicht zuletzt aufgrund seiner Tätigkeit für die Vereinten Nationen – angesehene österreichische Völkerrechtler Felix Ermacora. Dem widersprach – nach meiner Erinnerung in einem von der Bundestagsfraktion der Grünen in Auftrag gegebenen Gutachten – der Professor der Berliner Humboldt-Universität, Christian Tomuschat: Da die Vernichtungsabsicht der tschechischen Regierung nur die Deutschen im nach dem Krieg wieder tschechischen Territorium betraf und nicht die Deutschen im Nachkriegsdeutschland, sei sie zwar verbrecherisch gewesen, falle aber nicht unter den Genozid-Begriff der UN-Völkermordkonvention. Wenig überzeugend, wie mir scheint. Man wende nur die gleiche Überlegung auf andere bekannte Fälle von Völkermord an!

Mit aktueller Bitterkeit erfüllt den Autor das Gezerre um die Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ – mit Recht, wenn man die jüngsten Entwicklungen bedenkt, die auf eine Vereitelung des Vorhabens hinauslaufen. Fürchten ihre Verhinderer, daß sie die Peinlichkeit dem Vergessen entreißen könnte, daß die völkermörderischen Beneš-Dekrete in der Tschechischen Republik bei deren Aufnahme in die „Wertegemeinschaft“ der Europäischen Union weiter in Geltung bleiben durften? Oder fürchten sie die Peinlichkeit, daß die diversen Bundesregierungen nichts unternehmen, um die unbeschadet aller völkerrechtlichen Abtretungserklärungen weiter bestehenden privatrechtliche Restitutions- oder Entschädigungsforderungen der eigenen Staatsbürger gegenüber den Vertreiberstaaten durchzusetzen?

Gernot Facius: „Getäuscht und allein gelassen – Die deutschen Vertriebenen: Von Opferverbänden zu Trachtenvereinen?“ Paperback, 180 Seiten (ISBN: 978-3-87336-543-8), 16,80 Euro,

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Ein Gedanke zu “„Getäuscht und allein gelassen – Die deutschen Vertriebenen: Von Opferverbänden zu Trachtenvereinen?“

  1. Solange Rainer Barzel Einfluß auf die CDU hatte, war die enge Beziehung der Vertriebenenverbände zur CDU sicher noch richtig! Spätestens danach hätte eine eigene Blockbildung innerhalb der CDU erfolgen müssen, der variabel auf die Politik der CDU hätte Einfluß nehmen können. So aber wurden die Vertriebenenverbände nur als Stimmvieh der CDU missbraucht.

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